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Eine Badekur in Bad Meinberg
Elfriede Ortmeiers Vater hatte sich schon jahrelang mit dem bösen Rheumatismus herumgeplagt. Den hatte er sich in Wind und Wetter auf dem Felde
geholt. Wenn es Regen gab, spürte er das immer schon vorher. "Es gibt anderes Wetter", sagte er dann, "meine Beine haben Regen angesagt." Im letzten Winter war es fast nicht mehr zum
Aushalten gewesen. Zuzeiten konnte er kaum noch mit zwei Stöcken durchs Haus schlüren, und es fiel ihm schwer, die Arme zu bewegen. Das Einreiben war ja ganz gut, und die Spritzen, die ihm der Doktor
gab, halfen auch. Aber so recht anschlagen wollte doch nichts.
"Du musst mal nach Meinberg", riet Nachbar Hankemeier. "Sollst mal sehen, die treiben dir das Reißen aus den Knochen heraus!
Nachher kannst du wieder springen wie ein Fohlen." Doch Ortmeier meinte, er könnte wegen der vielen Arbeit nicht fort. Da sprach die Mutter ein Machtwort.
"Vor der Ernte geht das ganz gut", sagte sie. "Hauptsache, dass du wieder gesund wirst."
Weil der Arzt auch dafür war, fuhr Ortmeiers Vater im Juni nach Meinberg ins Bad. Vor vielen Jahren war er schon einmal dort gewesen, aber
nur für einen Nachmittag. Donnerwetter, wie hatte sich Meinberg seit dieser Zeit herausgemacht! Das sah er schon, als er ankam und sich bei der Kurverwaltung meldete, um seine Kurtaxe zu zahlen. Er nahm
auch ein Faltblatt mit, in dem alles Wissenswerte über das Bad zu lesen war. Wie viele Hotels, Gasthäuser und Fremdenheime es doch in Meinberg gibt! Etwa 3500 Fremde können untergebracht werden. Und
trotzdem hatte er Mühe, dass er noch ein Zimmer bekam. Immer mehr Kurgäste kommen nämlich nach Meinberg. Vor dem Kriege waren es jährlich 4000, 1947 schon 6200. 1950 kamen 8600, zehn Jahre später mehr
als dreimal soviel, und nun sind es schon über 30 000 Kranke und Erholungsbedürftige, die im Laufe des Jahres in Meinberg eine Kur machen.
Am nächsten Tage suchte er einen der etwa zwanzig Badeärzte auf. Der ließ sich von der Krankheit erzählen, untersuchte ihn gründlich und gab
dann genaue Anweisungen. Einen richtigen Stundenplan erhielt Vater Ortmeier. Sein ganzer Tag war ausgefüllt mit Baden, Schwitzen, Ruhen, Schlafen, Essen, Spazierengehen und Brunnentrinken. Er hatte gar
keine Zeit mehr, an die viele Arbeit zu denken, die zu Hause auf ihn wartete. Hier musste alles pünktlich und gewissenhaft nach Vorschrift des Arztes gemacht werden.
Aber der Rheumatismus wollte nicht weichen. "Das wird ja eher schlimmer als besser!" sagte Ortmeier ärgerlich zum Badearzt. Doch
der klopfte ihm fröhlich auf die Schulter: "Vorzüglich, Herr Ortmeierl Wenn es schlimmer wird, dann wird's auch besser!"' Und als ihn Ortmeier ganz verdutzt ansah, da meinte er lachend:
"Ja, ja, so ist's schon, mein Lieber! Der Krankheitsteufel rumort noch mal tüchtig in Ihnen herum, ehe er Sie verlässt. Die meisten Kranken spüren die Besserung erst, wenn sie längst wieder zu Hause
sind. Doch bei Ihnen scheint es schneller zu gehen!"
Und so war es auch. Nach vier Wochen kam die Mutter und brachte Elfriede mit. Sie wollten den Vater abholen. Da staunten sie, wie gut er
aussah! Und wie stramm er wieder marschieren konnte! Sie gingen zusammen im Kurpark spazieren. Der Vater führte sie zum schönen Brunnentempel und ließ sich im Ausschank nebenan für jeden ein Glas Brunnen
reichen. Wie Sprudel war der. Kleine Bläschen stiegen im Wasser auf. Es schmeckte frisch und säuerlich. "Das ist die Kohlensäure", sagte der Vater, "die kommt hier mit dem Wasser aus der
Erde."" Elfriede verzog das Gesicht. Sie hätte lieber ein Glas Zitronensprudel gehabt. Doch der Vater befahl: "Trink aus, Mädchen! Der Brunnen ist gesund. Den haben die Meinberger
schon vor ein paar hundert Jahren getrunken, wenn sie krank waren."
Sie setzten sich auf eine der vielen Bänke im Park. Auf der großen Rasenfläche vor ihnen lagen Leute in Liegestühlen, lasen oder schliefen
oder sahen den Wolken nach.
"Wie ist das so mit dem Baden?" fragte die Mutter. Da lachte der Vater: "Ja, wenn ihr mich gesehen hättet, wie ich da aus dem
Schlammbade geklettert bin, dann wäret ihr doch auf den Rücken gefallen. Von der schwarzen Brühe sah ich am ganzen Körper aus wie ein Neger, und von der Hitze war mein Kopf rot wie ein Krebs. Und wenn
ich abgespült war, dann musste ich schwitzen. Schwitzen! sage ich euch, das Schwitzen bei der Ernte ist nichts dagegen!" - "Es hat dir aber doch gut getan!" ..Klar doch! Hankemeiers Willem
hatte schon recht, als er mir riet, nach Meinberg zu gehen."
Elfriede wollte wissen, was das für Schlamm war, in dem ihr Vater gebadet hatte. Das wäre doch eigentlich eher etwas für Kinder, meinte sie.
Da erzählte ihr der Vater, daß der Schlamm, auch Moor genannt, etwa 1 km vom Badehaus entfernt aus der Erde gegraben und in dicken Leitungen in die beiden Badehäuser gepumpt wird. Dort wird er mit Wasser
verdünnt, erwärmt und schließlich mit Eimern in die Wannen gefüllt.
Zwei Damen kamen vorüber. Sie sahen blass und leidend aus. "Müssen die auch so schwitzen?" fragte Elfriede. Der Vater schüttelte
den Kopf. ”Nein, die sicher nicht. Es gibt hier in Meinberg nämlich nicht nur Moorbäder. Die verträgt nicht jeder. Man kann auch Gasbäder und Perlbäder und vieles andere bekommen!"
"Perlbäder? Was ist denn das?"' wollte Elfriede wissen.
"Ich habe zuerst auch ein paar davon bekommen", entgegnete der Vater. "Lauter kleine Kohlensäureperlen steigen im Wasser auf.
Der ganze Körper wird davon bedeckt. Nervenkranke und Herzkranke fühlen sich nach diesen Bädern wie neugeboren."'
"Was sind Gasbäder?"' fragte Elfriede weiter.
"Aus der Erde quillt hier nicht nur Wasser mit Kohlensäuregas", erklärte Vater. "Aus einer 277 m tiefen Quelle strömt reine
Kohlensäure, ohne Wasser. Sie wird den Badehäusern zugeleitet und zu Gasbädern verwendet. Der Kranke sitzt entkleidet in einem abgedichteten Kasten, der nur den Kopf freilässt. Das Gas reizt die Haut und
lindert Atem- und Herzbeschwerden."
Sie besahen die beiden großen Kurhäuser "Zur Rose" und "Zum Stern'. Schöne, vornehme Fachwerkhäuser sind das. "Sie waren
die ersten hier am Platze", sagte der Vater. "Sie sind schon beinahe zweihundert Jahre alt. Schon damals war Meinberg ein berühmtes Bad."
Sie schritten hinüber in den neuen Kurpark am See. "Wenn wir noch Zeit hätten", meinte der Vater, "könnten wir noch den ganz
neuen Kurpark jenseits der Bundesstraße 1 besichtigen. Er ist fast doppelt so groß wie die drei anderen Kurparks zusammen. In dem neuen Park wachsen nicht nur einheimische Pflanzen, nein, da können wir
Bäume und Sträucher aus Amerika und Australien sehen und uns eine Vorstellung davon machen, wie es in diesen fernen Erdteilen aussieht."
Schließlich stiegen sie den Berggarten hinan, den neuen Kurpark am Schanzenberge. Sie sahen eine Weile den Tennisspielern zu, erfreuten sich
an der Pracht der Blumenbeete und schauten von oben auf Meinberg herab, das so frisch und geputzt dalag mit seinem alten Kirchlein, seinen schmucken Häusern und seinen Kuranlagen, durch die die kleine
Werre leise plätschernd dahinfließt.
"Ist es nicht schön hier in Meinberg?" fragte der Vater. Die Mutter
schaute ihn glücklich an. "ja, wunderschön ist es hier! Aber noch schöner ist es doch, dass du nun wieder so frisch und gesund mit nach Hause fahren kannst.”
Aufgaben: 1. Die Kurverwaltung beschäftigt über
dreihundert Menschen. Welche' Arbeiten haben sie zu verrichten?
2. Wer lebt außer den Arbeitern und Angestellten des Bades noch vom Fremdenverkehr?
3. Die Bundesstraße 1 durchquerte früher den Ort. Heute führt sie um Meinberg herum. Warum hat man die Straße umgelegt?
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