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Der lippische Westen hat fruchtbare Ackerböden. Darum liegen hier viele große und schöne Bauernhöfe. Aber der weitaus größte Teil seiner
Bewohner ist heute nicht mehr in der Landwirtschaft beschäftigt, sondern arbeitet in Fabriken und Handwerksbetrieben. In fast allen Gemeinden sind in den letzten fünfzehn Jahren kleinere
Industriebetriebe gegründet worden, hauptsächlich Möbelwerkstätten, aber auch Nähereien, Spritzguss- und Schuhfabriken. Einige haben sich zu größeren Unternehmen entwickelt. Die
Polstergestellfabrik in Kachtenhausen beschäftigt 550 Menschen. Tausende finden ihren Arbeitsplatz schon heute in ihren Wohnorten. Aber noch mehr Arbeiter fahren in die Fabriken der nahe gelegenen
Städte, nach Bielefeld (mehr als 4000), Herford, Bad Salzuflen, Schötmar, Detmold, Lerngo und Lage. Von den 3500 Einwohnern Helpups üben 1200 ihren Beruf außerhalb des Ortes aus. Die meisten Menschen
arbeiten nicht in ihren Dörfern, sie wohnen nur dort. So sind die Ortschaften des Flachhügellandes heute größtenteils Arbeiterwohndörfer.
Warum ziehen die Arbeiter nicht in die Stadt? Warum scheuen sie nicht die Mühe und die Kosten des täglichen Weges?
In den Städten sind in den letzten Jahren Tausende von Wohnungen gebaut worden. Für das große Heer der Arbeiter aber reicht ihre Zahl
immer noch nicht aus. Viele möchten auch nicht in der Stadt zur Miete wohnen. Sie wünschen sich ein Eigenheim. In den Städten ist das Bauland knapp und teuer. Schon der Kauf des Grundstücks würde
die bescheidenen Ersparnisse verschlingen. Darum bauen sie lieber auf dem Land, wo die Bauplätze billiger sind. Manche der Arbeiter sind Söhne von Kleinbauern und haben ihren Bauplatz von den Eltern
geerbt. Viele Menschen bleiben auf dem Land, weil sie den Lärm und die Enge der Städte nicht lieben. Städter geben ihre Wohnungen in Bielefeld, Herford und anderen großen Orten auf und bauen sich ein
Haus in der Stille einer Landgemeinde.
Seitab von der verkehrsreichen Durchgangsstraße liegt diese Siedlung (s. Bild 7) mit ihren bescheidenen, sauberen und freundlichen
Einfamilienhäusern. Die Eltern brauchen keine Angst zu haben, wenn ihre Kinder auf der Straße mit dem Roller fahren, Rollschuh laufen oder mit dem Ball spielen. Nur hin und wieder müssen die
Spielenden einem Auto Platz machen. Wenn sie aber einen Ball suchen, der über die niedrige Hecke in einen Blumengarten geflogen ist, müssen sie aufpassen, dass sie von den Hausbewohnern nicht erwischt
werden. Denn die Vorgärten sind der ganze Stolz der Siedler. Jeder möchte den schönsten haben. Regelmäßig wird die Hecke geschoren, der Rasen gemäht und das Unkraut gejätet. In jedem Winter werden
die Zwergobstbäume ausgelichtet, damit sie gute Erträge bringen. Den kleineren Kindern bieten die geräumigen Gärten hinter den Häusern sichere Plätze. Dort können ihnen die Väter Sandkästen
bauen. Dort wachsen die schmackhaften Früchte, die viele Stadtkinder nur vom Wochenmarkt und aus den Geschäften kennen: Erdbeeren, Stachel- und Johannisbeeren, Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Birnen.
An die Rückseite der Häuser ist häufig noch ein Stall gebaut. Manche Hausbesitzer, besonders ältere Leute, füttern darin ein Schwein,
gelegentlich auch noch eine Ziege. "Das war immer so, das soll auch so bleiben", meinen sie. Die Arbeit nach Feierabend macht zwar Mühe. Aber die frische Luft und die Ruhe sind bekömmlich
nach dem Lärm und der Hast der Fabrik, die selbstgezogenen Früchte sind frischer als die aus dem Laden, und was kann es wohl Besseres geben als hausgemachte lippische Wurst! Die jungen Menschen aber
halten nicht mehr viel von der Landwirtschaft. "Es kommt doch nichts dabei heraus", sagen sie. "Wozu sollen wir uns auf den Feldern abrackern?" Sie bauen die Ställe zu Garagen um,
kaufen die Milch am Milchwagen, das Fleisch im Schlachterladen und die Kartoffeln von einem benachbarten Bauern. Einen kleinen Gemüsegarten aber bestellen die meisten auch heute noch.
In dieser Siedlung seht ihr keine Brunnen mehr, keine Pumpe, keine Düngergrube, keine Straßengräben mit übelriechenden Schmutzwässern
aus Küche und Waschküche. Wie in der Hälfte aller Gemeinden des lippischen Westens gibt es hier bereits eine Wasserleitung. Ein Kanal leitet das Schmutzwasser zu einer Kläranlage.
Die Hausfrauen brauchen zu Einkäufen nicht mehr in die Stadt zu fahren. Früher gab es in den Dörfern gewöhnlich nur den kleinen
Kramladen in der Gastwirtschaft. Heute kann man in den großen Dörfern -beinahe alles kaufen: Radios, Fernsehgeräte, Waschmaschinen, Fahrräder, Möbel, Bekleidung. Manchmal freilich fahren die Leute
zum Einkaufen auch in die Stadt, weil die großen städtischen Geschäfte e reichere Auswahl bieten. Besonders die großen Warenhäuser Bielefeds locken zahlreiche Käufer aus dem lippischen Westen an.
In einigen größeren Orten haben sich sogar schon Ärzte, Zahnärzte und Apotheken niedergelassen. Auch der Weg zur Kirche ist für viele Menschen kür geworden. In den letzten Jahren hat man in
Wülfer-Bexten, Holzhaus Bechterdissen, Lockhausen und Retzen neue Kirchen errichtet. Außerdem wurden zahlreiche Gemeindehäuser gebaut.
Für die Kinder ist gut gesorgt. Überall gibt es schöne Schulen. Ein besitzen sogar Lehrschwimmbecken. Darin können die Kinder das gar
Jahr hindurch baden und schwimmen. In vielen Gemeinden des lippischen Westens können sich die Kinder auf Sportplätzen oder in Turnhall tummeln.
Nicht in jedem Dorf freilich wohnen so viele Kinder, dass man für! große Schulen mit sechs bis acht Lehrern einrichten könnte. Darum
schließen sich benachbarte Gemeinden zusammen und bauen gemeinsam eine einzige große Schule, eine Mittelpunktschule. Die Schule Leopoldhöhe, zu der auch die Gemeinden Schuckenbaum, Krentrup und
Niehagen gehören, ist eine der ersten Mittelpunktschulen des Landes Nordrhein-Westfalen. Wie die Väter zu den Fabriken, so fahren viele Kind mit dem Bus zur Schule.
In früheren Zeiten haben die Menschen in den Städten wie die Bewohner der Dörfer gelebt. Heute werden umgekehrt die Dörfer den Städten
immer ähnlicher.
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