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Wenn du auf einer der Hauptstraßen der Stadt näher kommst, empfängt dich ein Schild mit der Aufschrift: Alte Hansestadt Lemgo. Du hast diesen
Namen sicher schon oft gehört und möchtest wissen, was er bedeutet.
So lass dir von alten Zeiten erzählen:
An einem Sommertag fuhr ein Schiff die Weser hinauf. Auf einem schmalen Pfad am Ufer, dem Leinpfad, schritten langsam und schwerfällig
sechs Männer und zogen es an einem Seil stromauf. Dicke Schweißtropfen standen ihnen auf der Stirn, hin und wieder wischte einer mit dem Ärmel über das Gesicht. Das Seil hatte ihnen die Schultern
wund gerieben, rauh und schwielig waren ihre Hände. Sie kamen von Bremen her und waren schon seit Tagen unterwegs. Bald aber bekamen sie ein wenig Ruhe, denn zur Rechten wuchsen die Häuser der alten
Bischofsstadt Minden aus der Ebene heraus, überragt von den Dächern und Türmen der Kirchen. Am Ufer legte das Schiff an, und Hinrich, der Zollverwalter, kam an Bord, um den Zoll zu erheben.
"Was habt ihr denn heute geladen?" fragte er Jörg, den Schiffsführer.
"Sieh selbst nach! Ihr Zollverwalter seid doch immer neugierig. Steckt die Nase nur in alle Tonnen und Säcke!"
"Da können die Lemgoer aber wieder Flachs säen", sagte der Zollverwalter, als er die Ladung geprüft und die vielen Säcke mit
Leinsamen gezählt hatte.
"Die Leineweber wollen Arbeit haben, und viel Geld ist schon durch den Flachs in die Stadt gekommen."
In dickbauchigen Tonnen waren Heringe aus der Nordsee eingesalzen, in Säcken lagerten süße Korinthen und beißender Pfeffer, aus fernen
Ländern nach Bremen gebracht.
Aus Jörgs Hand wanderten Münzen in den Beutel des Zollverwalters. Dann ging die Fahrt weiter nach Vlotho, wo schon die Fuhrknechte aus
Lemgo warteten. Aus dem Bauch des Schiffes schleppten sie Tonnen, Säcke und Ballen ans Ufer und verluden sie auf schwere Planwagen. Früh am anderen Morgen spannten sie starke Pferde davor, und unter
lautem Peitschenknall und anfeuerndem Hü setzten sich die Wagen schwerfällig und knarrend in Bewegung. Sie folgten der alten Straße, die über die Höhen des nordlippischen Berglandes nach Lemgo
führte. Eine solche Reise bereitete wahrlich kein Vergnügen. Die Wagen waren nicht gefedert, und wie sahen die Wege aus! Wo es sich am bequemsten fahren ließ, hatten die Fuhrknechte sich ihren Weg
gesucht. Nur Räderspuren zeigten seinen Verlauf. Am besten fuhr es sich in den ausgefahrenen Spuren. Hatte aber ein Regenguss eine Stelle unbefahrbar gemacht, so suchte sich der nächste Wagen einen
neuen Weg. Die Knechte wurden auf ihren Fuhrwerken durch und durch geschüttelt. Sie stiegen gern mal eine Weile ab und gingen zu Fuß nebenher.
Da war Jörg mit einigen anderen bewaffneten Knechten besser dran. Sie begleiteten den Zug zu Pferd. Ständig hielten sie Ausschau,
überflogen Wald, Gebüsch, Kuhlen und Hohlwege mit ihren Blicken, ob sich nicht irgendwo ein paar Schnapphähne versteckt hielten, denen die Waren der Kaufleute, der "Pfeffersäcke",
willkommene Beute waren.
Plötzlich hielt Jörg an. Hinter einer Hecke hatte er Rüstungen blitzen sehen, das Geklirr von Waffen war herübergeklungen. Alle Knechte
griffen zu ihren kurzen Schwertern. Als die Räuber sich frühzeitig entdeckt sahen, verschwanden sie mit einem Wutgeschrei im Wald.
"So sind sie immer", lachte Jörg. "Sind sie stärker, dann greifen sie an, sehen sie aber, dass man ihnen auf die Finger
klopfen will, so nehmen sie Reißaus. Aber nun wird unser Herr auch einsehen, dass ein Schutz nötig ist. Wenn wir nicht gewesen wären, hätte Herr Johann von all seinen schönen Sachen nicht viel
wiedergesehen."
Hier hat es gestern aber tüchtig geregnet", sagte Kord, der Fuhr knecht des ersten Wagens. Kaum hatte er es ausgesprochen, da rutschte
der Wagen nach einer Seite in ein Wasserloch, und beinahe hätte Kord ein unfreiwilliges Schlammbad genommen. Die Pferde bekamen den Wagen nicht wieder frei. So musste erst alles ausgeladen werden, und
andere Pferde mussten Vorspann leisten. Nach diesem unfreiwilligen Aufenthalt ging es weiter über die Berge zwischen Weser und Bega. Endlich lagen im Licht der Abendsonne vor den Reitern und
Fuhrknechten die Häuser der Stadt hinter den hohen Mauern. Das Stadttor war noch offen. über die holprigen Straßen rumpelten die Wagen, bis sie vor dem Haus des reichen und angesehenen Kaufmanns und
Ratsherrn Johann Pape anhielten. Froh über die glückliche Ankunft seiner Leute und seines Handelsgutes trat er vor die Tür und begrüßte alle mit lautem Zuruf. Dankbar drückte er Jörg die Hand, als
der ihm von den Gefahren der Reise erzählte.
Nach einigen Tagen ließ Herr Johann, Jörg zu sich rufen.
"Jörg, Ihr seid ein zuverlässiger Mann, wollt Ihr auf der nächsten Fahrt wieder der Anführer sein?"
"Wohin soll die Fahrt denn gehen?."
"Nach den Niederlanden und Flandern. In Flandern wartet man auf die Garne, die die Lemgoer gesponnen haben. Sie sind für die feinen
und kunstvollen Spitzen bestimmt, die die Kleider reicher Frauen schmücken. Auf der Rückfahrt holt ihr aus Brüssel die Wolle, die unsere Wollenweber für die gute “Lemsche Wand“ brauchen. Ich
selber muß nach Lübeck zum Hansetag, denn die Hansestädte haben viele Sorgen. Die großen Herren können das Raufen nicht lassen; das macht dem friedliebenden Kaufmann das Leben schwer. Ich führe
einige Wagen Wolltuch mit. Die reichen Lübecker werden es mir schon abnehmen."
Im Haus und auf dem Hof herrschte ein lebhaftes Treiben. Die große Diele war vollgepackt mit Ballen und Fässern, auch in den niedrigen
Nebenräumen waren die Waren bis unter die Decken gestapelt. Voller Stolz überschaute Herr Johann seinen Besitz. Manchen Goldgulden hatte ihm der Handel schon eingebracht, und auch die nächsten Fahrten
sollten ihm helfen, seine Truhen noch weiter zu füllen, wenn das Glück ihm treu bleiben würde.
Zum Rathaus führte ihn nun sein Weg. Mit dem Bürgermeister Kruse wollte er noch einmal beraten, was die Stadt Lemgo in Lübeck
vorzubringen hatte. Zwischen der Stadt Soest, die wie viele andere Städte dem Hansebund angehörte, und ihrem Landesherrn war ein schwerer Streit ausgebrochen. Die Stadt rief um Hilfe, die hansischen
Schwesterstädte sollten ihr beistehen.
"Die Hanse muss helfen! Bittet auch die anderen Städte um ihren Beistand! Wer weiß, ob nicht auch eine andere Stadt bald Hilfe nötig
hat." Diese Botschaft an den Lübecker Rat bekam Herr Johann mit auf den Weg.
Noch lag die Morgendämmerung über der Stadt, da rührte es sich schon im Hause Pape. Knarrend öffnete sich das Hoftor und entließ eine
Reihe hochbepackter Planwagen mit den Fuhrknechten und eine Anzahl gut bewaffneter Reiter. Bald trennten sich die Wagenzüge. Nach Westen, auf dem Weg nach Herford, ritt Jörg seinem Zug voraus. Nach
Norden, an die Weser und weiter nach Hamburg und Lübeck, führte Herr Johann seine Schar.
Lemgoer Garn und Lemgoer Tuch nahmen ihren Weg in die weite Welt.
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