|
Landwirt Fritz Wienecke hatte Besuch. Gustav Niedermeier aus Köln kam nach langen Jahren auf einige Tage, um seinen alten Schulfreund und seinen
Heimatort wiederzusehen, in dem er keine Verwandten mehr besaß. Niedermeier kannte den Hof kaum wieder, auf dem er als Schuljunge so oft gespielt und gearbeitet hatte. Zu vieles hatte sich geändert.
Früher waren ständig zwei Knechte und zwei Mägde da gewesen, und während der Kornernte und beim Dreschen im Winter hatten die vielen Helfer beim Mittagessen um den langen Tisch kaum Platz gefunden.
jetzt saß da nur die Bauernfamilie: Wienecke und seine Frau Lina, der zwanzigjährige Sohn Rudolf und Gerda, die dreizehnjährige Tochter.
"Wie könnt ihr allein die Arbeit nur schaffen?" fragte Niedermeier den Freund. "Deine Eltern hatten viel Hilfe. Und doch
mussten sie sich von früh bis spät plagen."
"Leicht ist es nicht", antwortete Wienecke, "die 42-Stunden-Woche gilt für uns Bauern nicht. Von Urlaub und freien Sonntagen
wollen wir erst gar nicht reden. Aber wir werden fertig; du wirst es sehen."
Spaziergang durch die Felder
Es war Sonntag Nachmittag, und so schlug Wienecke dem Freund einen Rundgang durch die Felder vor. Seit seiner
Jugend war dieser Sonntags-spaziergang seine liebste Erholung, und Gustav Niedermeier war dazu der richtige Begleiter. Bald standen sie am Rande eines gepflügten Feldes. Niedermeier wunderte sich über
die Größe des Stückes. Vier Fußballplätze hätte man darauf anlegen können.
"Es sind 24 Scheffelsaat", erklärte Wienecke. "Früher waren es zwei Schläge. Heute bestellen wir sie gewöhnlich zusammen,
weil man große Felder mit den Maschinen besser bearbeiten kann als kleine. Im vergangenen Sommer stand Weizen darauf. Den Weizen habe ich durch einen Lohnmähdrescher abernten lassen. Mittags um 1 Uhr
kam er. Um 5 Uhr war er fertig. Das Korn haben Rudolf und ich noch an demselben Abend zur Trockenanlage gefahren und beim Kornhändler abgeliefert."
"Der Lohndrescher verlangte für seine Arbeit zuerst 480 DM", fügte er nach einer kleinen Pause hinzu. "Dann ließ er 50 DM
ab. Das konnte er auch. Dieses große Feld war für ihn trotzdem noch ein gutes Geschäft."
"Du hast doch noch deinen Mähbinder", wandte Niedermeier ein. "Konntest du den Weizen nicht selbst abernten? Dann hättest
du das Geld selbst verdient."
Wienecke schüttelte den Kopf. "Wir hatten ja keine Hilfe. Wir vier konnten die Arbeit einfach nicht schaffen. Diesen Schlag mähen und
die zwanzig Fuder einfahren, das hätte uns eine Woche gekostet. So viel Zeit hatten wir nicht. Da warteten ja noch eine Ecke Weizen und dreißig Scheffelsaat überreifer Hafer. Der Mähdrescher erspart
mir auch das Dreschen. Das ist sehr wichtig, denn selbst im Winter finde ich kaum Leute, die mir helfen."
"Das ausgedroschene Stroh musstet ihr doch selbst einfahren?" fragte Niedermeier.
"Gewiss", entgegnete Wienecke. "Aber das hatte Zeit. Ich habe mir dazu von meinem Nachbarn eine Strohpresse geliehen. Da war
die Arbeit bald geschafft."
Der Bauer schwieg eine Weile. Dann sagte er plötzlich: "Nun rate mal, wieviel Zeit wir gebraucht haben, dieses Feld zu pflügen?"
Niedermeier hatte keine Ahnung, antwortete aber nach kurzem Besinnen: "Ungefähr zwei Tage."
"Stimmt", erwiderte Wienecke erstaunt, "wie kommst du darauf?"
"Ganz einfach", lachte Niedermeier. "Zwei Pferdegespanne pflügen dieses Stück in einer Woche. Der Pflug an deinem Trecker
hat zwei Scharen. Der Trecker braucht keine Verschnaufpausen wie die Pferde, Er kommt auch schneller vorwärts. Ich schätze, er schafft ungefähr sechsmal soviel wie ein Pferdegespann."
weiter
|