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Der Hütejunge

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"Aufstehen!" rief Mutter Tegeler ihren Ältesten, den Fritz, "aufstehen, es ist schon 5 Uhr durch! Der Vater schimpft sonst!" Sie rüttelte ihn ein paar mal an der Schulter. Er schlug die Augen auf und sprang schon mit beiden Beinen vom Strohsack. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, dass das Wetter heute schön werden würde. Schnell lief er auf den Hof, um sich aus dem Brunnen einen Eimer Wasser heraufzuziehen, wusch sich, bekam von der Mutter noch eine Scheibe Brot, und dann band er die beiden Kühe im Stall los, nahm sie an den Strick und zog mit ihnen fort. Heute morgen wollte er die Kühe am Straßenrand weiden lassen. Dabei musste er aufpassen, dass sie keinen Schritt zu weit gingen und vielleicht dem Bauern das Getreide zertraten. Nebenbei konnte er dann noch einmal die Gesangbuchverse aufsagen, die er gestern gelernt hatte und die er heute in der Schule können musste. Empfindlich kalt war es an diesem Morgen noch, und er war froh, dass er der Mutter gehorcht und sich noch ein Paar Wollsocken angezogen hatte.

 Inzwischen war es gegen halb neun geworden, Zeit, zurückzukehren, damit er pünktlich zur Schule kam. Die Kleinen waren schon seit 7 Uhr in der Schule und gingen bald nach Hause, während für die Großen nun der Unterricht begann. Leicht war es für die Schüler nicht, den Worten des Lehrers zu folgen und aufzupassen. Zu sechsen saßen sie in einer Bank, und manchmal musste einer dem anderen einen kleinen Schubs in die Seite geben, damit der nicht einschlief vor Müdigkeit.

 Als die Glocke vom Kirchturm zu Mittag geläutet hatte, war die Schule zu Ende, und Fritz wanderte mit seinen Freunden heim. Die Suppe stand schon auf dem Tisch, und als die Mahlzeit beendet war, nahm Fritz seine Tasche mit Tafel, Rechen- und Realienbuch, und dann ging's wieder mit den Kühen hinaus. Am Nachmittag sollte er die Tiere auf einen Acker treiben, den der Vater im Frühjahr nicht bestellt hatte. Das machten damals die Bauern so, weil sie noch keinen Kunstdünger kannten. Sie ließen jedes Ackerstück alle paar Jahre brach, das heißt unbestellt, liegen. In der Brache sollte sich der Boden erholen, damit er in den folgenden Jahren bessere Ernten bringen konnte.

 Als Fritz mit seinen beiden Kühen am Steinwegacker angekommen war, setzte er sich in den Schatten der Hecke und begann mit seinen Schularbeiten. Er hatte in der Schule heute gut aufgepasst, und so konnte er schnell mit dem Rechnen und Schreiben fertig werden. Dann las er durch, was im Realienbuch über das Eichhörnchen stand. Aber das wusste er auch ohne das Buch, denn draußen in der Natur kannte er sich aus. Den Rest des Nachmittags durfte er machen, was er wollte. Die Kühe konnten kaum Unheil anrichten, denn nach drei Seiten war das Stück von Hecken umgeben. Gestern hatte er sich ein altes Messer mitgebracht und ein Stück Holz, aus dem er seinem kleinen Bruder ein Schiffchen schnitzen wollte, mit dem sie dann am Bach spielen konnten. Zum Geburtstag wollte er es ihm schenken, übermorgen. Von den Eltern würde der Kleine wohl nur ein Paar neue Holzschuhe bekommen. Eine Geburtstagsfeier mit Kaffee und Kuchen gab es nicht. Als es auf den Abend zuging, zog Fritz mit seinen Tieren wieder heimwärts und war froh, dass er sein Schnitzwerk fast fertig hatte.

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