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Als mit dem Weben kein Geld mehr zu verdienen war, sahen sich viele Lipper nach einem neuen Beruf um. In der Heimat fanden sie keine
Beschäftigung. Aber außerhalb unseres Landes fehlte es an Arbeitern, vor allem auf den Ziegeleien. Da wurden viele Lipper Ziegler und zogen als Wanderarbeiter jedes Frühjahr in die Fremde, ins
Ruhrgebiet, nach Holland und Friesland, Hamburg, Schleswig-Holstein, Dänemark und in andere Länder. So viele Tichelbäcker" gab es schließlich in Lippe, dass von fünf Männern zwei Ziegler waren, in
manchen Dörfern sogar mehr als die Hälfte der Männer. So wurde aus dem Volk der Leineweber das Volk der Ziegler.
Die Ausfahrt der Ziegler
Es war um die Jahrhundertwende. Der Frühling war eingekehrt, das Osterfest schon vorbei. Da wurde es Zeit, dass sich in den lippischen
Dörfern die Ziegler rüsteten. Auch in Drawen Hause herrschte Abschiedsstimmung, denn der Vater musste in den nächsten Tagen wieder in die Fremde hinaus. Im Winter hatte er als Hausschlachter ganz gut
verdient und auch ab und zu den Bauern beim Dreschen geholfen.
Nun musste Mutter den Pucken, den großen Leinensack, packen. Sie verstaute darin Wäsche und Strümpfe, Arbeitszeug und Schuhe und legte
zuletzt noch eine Seite Speck und einige Würste aus der eigenen Schlachtung dazu. "Was du dir mitnimmst, brauchst du in der Fremde nicht für teures Geld zu kaufen", sagte sie.
Schließlich war der Tag der Abfahrt gekommen. Die Mutter holte die Schubkarre hervor und lud den "Pucken" darauf. Dann ging es los
zum Bahnhof im Nachbardorf. Gesprochen wurde unterwegs nicht viel, denn jeder hatte seine eigenen Gedanken. Der Vater dachte an seine Familie, die er ein halbes Jahr nicht wiedersehen würde. Ob die
Mutter die Arbeit auf dem Felde und im Hause wohl schaffen würde? Auch das Vieh wollte versorgt sein, die Kuh und die beiden Schweine. Es war nur gut, dass der Älteste, der Fritz, schon mithelfen konnte.
Er musste die Kuh hüten und auf dem Felde mit zupacken. Die Mutter wiederum dachte an den Vater. Würde er wohl gesund bleiben? Sie wusste, dass die Arbeit anstrengend war, und der Vater war nicht
mehr der Allerjüngste!
Unterdessen waren sie am Bahnhof angekommen. Einige andere Ziegler waren schon da und begrüßten Vater und Mutter Drawe. Sie kannten sich ja
alle, denn die Männer waren im vergangenen Jahre schon gemeinsam auf der gleichen Ziegelei gewesen.
Bald kam der Zug, und alle drängten sich nach hinten zu den Wagen der vierten Klasse. "Einsteigen! Einsteigen!" erschall schon der
Ruf. Noch ein letztes Händeschütteln, und der Zug fuhr an.
Auf den nächsten Stationen stiegen noch weitere Ziegler ein, denn in diesen Ta-gen fuhren an die 10.000 lippische Männer in die Fremde, um
dort den Sommer über zu arbeiten und Geld zu verdienen. Je weiter der Zug nach Norden kam, desto stiller wurde es bei den Männern. Mancher half sich mit einem Schluck aus der Flasche über den
Abschiedsschmerz hinweg.
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