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Dorfheimat uns Wanderschaft

In der Tongrube
Ziegler in Bösingfeld

Harte Zeiten von Simon Albert

Es hat in meiner Jugendzeit Jahre gegeben, die den Zieglern schwere Sorgen brachten. War die Bautätigkeit gering, dann konnten manche Ziegeleien nicht arbeiten oder mussten vorzeitig den Betrieb einstellen. Es war hart, wenn ein Ziegler nach Hause kam, aber nicht so viel Geld mitbrachte, wie zum Unterhalt nötig gewesen wäre. Der eine oder andere fand dann wohl bei einem Bauern Arbeit als Knecht oder Tagelöhner. Mochte der Verdienst auch nicht hoch sein, so hatte er doch gutes Essen. Sonnabends gab ihm die Bäuerin hin und wieder ein Päckchen mit, und alle standen herum, wenn es zu Hause bei der traulichen Lampe ausgepackt wurde. Da kamen dann für die Kinder einige Äpfel und Nüsse zum Vorschein, die Mutter erhielt getrocknete Zwetschgen und ein Stück Butter, das dann allen gehörte. Ach, ich habe das als Kind selbst erlebt, wenn mein Vater wintertags auf einem benachbarten Bauernhof gearbeitet hatte.

Bares Geld war knapp. Zieglerfamilien, wo der Vater ein- oder zweimal im Sommer Geld schickte, wurden beneidet. Sonnabends, meist so gegen Abend, wurde beim Kaufmann das Notwendigste erstanden. Bei den armen Tagelöhnern band der Mann manchmal Besen, von Frauen und Kindern wurden Waldbeeren gesammelt zum Verkauf. Auch einige Eier konnten veräußert werden. Das alles brachte etwas bares Geld. Um Neujahr herum wurde mit den Bauern abgerechnet. Dann wurden auch die Rechnungen beim Schuster und Schneider bezahlt, bei Krankheitsfällen auch der Arzt und der Apotheker.

Die ersten Jahre nach meiner Schulentlassung waren eine schwere Zeit, doch auch manch schöne Erinnerung ist mir geblieben. Nach den sechs langen Arbeitstagen auf der Ziegelei kamen der Samstagabend und der Sonntag, die mir manche glückliche, frohe Stunde schenkten. Ein kaum begangener Weg führte durch die Felder bis zu den Kuhkämpen, die meist mit hohen Hecken eingefriedet waren. Hier blühten im Sommer die Heckenrosen, und wenn es dem Herbst entgegenging, reiften hier Brombeeren und Haselnüsse.

Mitte Oktober kam ich von der Ziegelei nach Hause. Meine Eltern hatten es gewagt, einen Bauplatz zu erwerben und ein Haus zu bauen. Es war noch längst nicht fertig, doch wurde es im Herbst bezogen. Mein Vater hatte noch an den Folgen eines Unfalls zu leiden, sein Verdienst war nicht hoch. Auch ich musste mit einem niedrigen Lohn zufrieden sein, konnte ich doch wegen meiner geringen körperlichen Leistungsfähigkeit einen besser bezahlten Posten nicht annehmen. Später, als ich Brenner wurde, ging es dann besser. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt musste aber manche nötige Anschaffung zurückgestellt werden.

Als Tagelöhner bei den Bauern habe ich im Herbst und Winter Arbeit gehabt.'

Winteräpfel, die doch zum Weihnachtsfest gehören, konnten meine Eltern nicht kaufen. Aber ich wusste Rat. Wir hatten lange Jahre auf dem großen Meierhofe in Bistrup gewohnt, und wenn die Äpfel gepflückt waren, dann hatten wir Kinder immer Nachlese halten dürfen. In guten Obstjahren wurden weniger wertvolle Sorten kaum beachtet. "Sie sind das Pflücken nicht wert", hieß es dann. Für uns Kinder aber war das eine große Freude. Auch sonst blieben noch immer allerlei Früchte in den hohen Bäumen hängen. So machte ich mich denn an einem schönen, sonnigen Sonntagnachmittag auf, um uns einen kleinen Vorrat an Winteräpfeln zu beschaffen. Manch hoher Baum wurde erstiegen. An den höchsten Zweigen fand ich die herrlichsten Äpfel.

Behutsam hatte ich die gepflückten Früchte unter den Baum gelegt. Aber was musste ich vom hohen Wipfel herab nun sehen? Die Kuhhüterin, ein keckes, freches Mädchen, stand unten und ließ meine schönsten Schätze in ihre Tasche verschwinden. Empört rief ich sie an, erhielt jedoch die Antwort: "Die gehören nicht dir, sondern dem Bauern!"

Ach ja! Nun fiel es mir auf einmal schwer aufs Herz: Ich hatte auf eine altes Recht vertraut, aber doch nicht um Erlaubnis gefragt. Mein betroffenes Schweigen machte das Mädchen noch dreister. Da fasste ich es derb am Arm und stieß es beiseite. Und dann holte ich mir die Erlaubnis des Bauern. Ein gediegener Mittagsschlaf hatte ihn in heitere Stimmung gebracht, und frohgelaunt gab er seine Zustimmung. "Was du findest, soll dir gehören."